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Rudolf Gahlbeck


Die beiden Pole seines Wirkens, Kunst zu schaffen und Kunst zu vermitteln, haben ihren gemeinsamen Grund in einer bejahenden Lebensauffassung. Rudolf Gahlbeck wollte die Menschen, ob die Betrachter seiner Bilder oder Generationen von Schülern, seelisch bereichern. 1952 gab er einem Abiturienten die Federzeichnung einer Trümmerlandschaft zurück und hieß ihn eine heile Natur darstellen. So hielt er es selbst. Seine Bildfiguren, oft ein Jüngling und ein Mädchen auf erhöhtem Standpunkt vor weit sich hinstreckenden Tälern und Höhen, schauen verträumt in die Ferne. Manchmal ertönt ein Lied und einmal heißt das Bild »Im schönsten Wiesengrunde«.
Gahlbeck war ein vielseitig begabter und immens fleißiger Künstler. Er erprobte sich in vielen Gattungen, war Maler, Zeichner, Grafiker. Er schuf Plakate, Signets, Buchschmuck, schrieb Novellen, Gedichte, Opernlibretti und Kantatentexte. Er komponierte Lieder, spielte in seiner Jugend Geige und bis ins Alter temperamentvoll Klavier. Er wollte Musik mit Farben malen. Rudolf Gahlbeck war ein Künstler, wie er im Buche steht, doch ein Bohemien war er nicht. Er hatte eine Ausstrahlung; wenn er zu sprechen begann, waren die Zuhörer in seinem Bann. Ein blendender Rhetoriker, auch wenn seine Gedanken zum Widerspruch herausforderten.
Was aus Rudolf Gahlbecks Schaffen Bestand hat, sind seine Gemälde. Sie gehören zu den bleibenden Zeugnissen der norddeutschen Landschafts- und Bildnismalerei in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Leise Anrufungen des Gemüts gehen von diesen Bildern aus, in denen die Farben nicht schreien, sondern in ruhiger Harmonie zusammenklingen, die Formen nicht expressiv ausfahren, sondern der Natur gemäß bleiben. Doch nie gibt der Küstler zufällig erblickte Wirklichkeitsausschnitte; er zeigt die Welt verwandelt - die Landschaft als Gefühl, die Menschen in selbsterrungener Vervollkommnung.
Als um 1925 in der deutschen Kunst gegen Expressionismus und Abstraktion die Neue Sachlichkeit aufkam, war sie zunächst als Verismus stark sozialkritisch. Die exakte Wiedergabe von Elementen der Wirklichkeit mündete aber auch in einen Magischen Realismus und schließlich in eine zeitlos gemeinte stille Beschaulichkeit. Gahlbeck jedoch wies die kalte Genauigkeit der Malerei von Topspflanzen und Telefonapparaten als seelenlos zurück; er wollte Zugang zum Gemüt des Betrachters finden. Seine Bilder um 1930 und danach können einer neuromantischen Tendenz in der Neuen Sachlichkeit zugerechnet werden.
Dieser harmonisierende Weltentwurf, der wie in Gahlbecks »Zeitgötzen« (1932) Industrialisierung und Großstadtgetriebe als zerstörerisch ablehnte, machte sich anfällig für Verführung durch den nationalistischen Ungeist. Von Gahlbeck gibt es keine Hitler-Bilder, keine Kriegsszenen, wohl aber die Verklärung der Jugend zum Trommler und Symbolträger. Er ließ sich wie viele Deutsche von den Verheißungen der Nationalsozialisten, das krisengeschüttelte Deutschland in eine lichte Zukunft zu führen, zunächst blenden. Wie auch bei anderen Intellektuellen kam die Ernüchterung bald, spätestens, als die Nazi-Verbrechen immer offenkundiger wurden und Krieg drohte.
Rudolf Gahlbeck war, geprägt durch eigenes Erleben im Ersten Weltkrieg, Pazifist. Seine tiefste Sehnsucht war eine friedliche Welt; er wurde nicht müde, aus seiner Zeit mit ihren sozialen Widersprüchen herauszutreten und sie als künstlerisches Bild idealisch zu konstituieren. »Aus den Feinden wurden Brüder«, heißt es am Ende seines Requiems »Opfergang« zum Gedenken an die Kriegstoten, das 1932 im Schweriner Dom uraufgeführt wurde. Und sein »Zuspruch« endet mit den Worten: »Es gilt, das Hochziel zu erreichen, das Höchste: Eine bessere Welt.« So können wir Rudolf Gahlbecks Bilder heute als einen redlichen Entwurf zu einem verinnerlichten und harmonischen Menschenbild im Einklang mit der Natur betrachten. Sie wollen eine Botschaft sein.

Werner Stockfisch